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LICHT IN DER KUNST

Text: Stephan Horn & Redaktion luxlumina | Fotos: Fondation Beyeler

Was Lichtdesigner von der Malerei lernen können

Den Beginn machen wir mit Claude Monet (* 1840 – 1926). Einem der sich zur Aufgabe gemacht hatte, Aspekte, die heute den Lichtplaner tagtäglich betreffen, durch seine Malerei darzustellen. Den Augenblick festzuhalten, der Teil eines Übergeordneten ist. Einen Ausschnitt im Räumlichen wie auf der Zeitachse, einen Moment der Veränderungen und der Bewegungen so zu malen, dass die Dynamik im Bild ausdrückt ein Teil des sich Verändernden zu sein und den Betrachter ein Zuvor und Danach spüren lässt.

Plant man Licht, plant man idealerweise auch den Schatten und auch die Reflexionen. Der Lichtplaner denkt Licht und seine Erscheinungen konzeptionell, in Wechselwirkungen zueinander und mit der Zielsetzung mehr als nur Helligkeit zu erzeugen, nämlich Atmosphären. Monets Wirken als Maler und sein Umgang mit Licht und Lichterscheinung, den Reflexionen und dem Schatten können uns ganz besondere Anregungen liefern. Im speziellen beschäftigt Monet sich fundamental mit dem Unterschied zwischen dem Ding bzw. dem Raum und seiner Erscheinung. Immerhin einer der wichtigsten Aspekte des lichtgestalterischen Entwurfes: Wie objektiv oder sachlich ist meine Lichtplanung mit der ich der Architektur Atmosphäre entlocke und wie viel Subjektivität und Interpretation lasse ich zu?

Bleiben wir einen Moment bei den vermeintlich banalen Sujets von Monet, mit denen er das Besondere im Alltäglichen finden wollte. Unser Auge registriert zum Beispiel eine Kathedrale, einen Kornschober oder Seerosen. Unser Gehirn erkennt, dass es eine Kathedrale oder ein Kornschober ist bzw. Seerosen sind, egal zu welcher Tages- oder Jahreszeit, sowohl an einem nebeligen Herbstmorgen, als auch im klaren Licht eines Sommerabends. Für das Gehirn bleiben es immer die gleichen Objekte, obwohl das Auge immer völlig andere Varianten registriert. Nicht was ein Bild zeigt, sondern wie sich das Gezeigte darstellt ist wichtig. Von diesem unendlichen Reichtum an Möglichkeiten war Claude Monet in gewisser Weise besessen und getrieben, diese festzuhalten. Die unendlichen Möglichkeiten des Sehens wollte er auf die Leinwand bannen. Unendliche Möglichkeiten, die sich aus stetig veränderndem Licht ergeben. Es war der Versuch mit den Gemälden zur Netzhaut des Betrachters zu werden.

Die berühmten »Seerosen« hat er ohne Horizont gemalt, auf dem Bild gibt es kein Oben und Unten, der Himmel ist gespiegelt auf 

der Wasseroberfläche. Was Monet hier malt ist Reflexion.

Wir sehen nur was wir zu Wissen glauben! Der »Kornschober im Sonnenlicht« von 1891 gibt vermeintliche Antworten. Als Kandinski das Bild sieht, erkennt er nicht was es abbildet, was er sieht, ist reine Malerei. Monet hat sein Leben dafür gegeben zu verstehen, was einen Schatten ausmacht. In diesem Bild ist er das Farbigste.

Dennoch ist die Natur, sind wir und ist überhaupt alles Veränderung. Veränderung, die nach Heraklit ja die einzige Konstante im Universum ist. Monets Fragen sind gleichermassen Zweifel: Was kann ein Bild zeigen? Monet will das scheinbar Unmögliche: Er will Veränderung festhalten. »In der Barke« von 1887 malt er wieder Reflexionen im Wasser. Generell spiegelt er oft sein Motiv, geht in die Unschärfe oder schaut am Motiv vorbei, als wäre ein Schatten oder eine Spiegelung näher an der Wahrheit. Er nutzt Gestaltungsmittel, wie die Serie, die Reihe oder das Gegenlicht. Monet malt und erzählt dabei von den Möglichkeiten der Malerei selbst. Seine Bilder sind keine Abbildungen, sondern zeigen Phänomene und Erscheinungen auf der Netzhaut. Ein Motiv, das er 100 mal gemalt hat, bedeutet 100 Versuche über Lichtbrechung und Farbe. Bei der Kathedrale von Rouen 1894 hat er 33 mal das Lichtspiel auf der Fassade festgehalten. Er hat immer auf das Licht gewartet, bereit für das jeweils neue Schauspiel, das sich zeigt. Und am Ende seines Lebens malt er nur noch Reflexionen seines Seerosenteiches. Die Welt und die Erscheinungen scheinen aufgelöst zu sein. Es geht Monet hauptsächlich darum, unsere Wahrnehmung zu schärfen.