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Geschickte Lichtführung in der Löwenstrasse

Zielführendes Licht: Zürich Bahnhof Löwenstrasse

Text: Sven Horsmann  |  Fotos: Lukas Roth

Der Bahnhof Löwenstrasse erstrahlt im weiss-goldenen Ambiente. In 16 Metern Tiefe unterhalb des Zürcher Hauptbahnhofs liegt das neue funktionelle Prachtstück der Mobilität. Es bildet den Startpunkt für das Projekt der Druchmesserlinie SBB, welches den Hauptbahnhof direkt mit dem Oerlikon-Bahnhof durch den Weinbergtunnel verbindet. So wird aus dem Zürich Bahnhof nun ein optimaler Durchgangsbahnhof. Neben zeitlichen Vorteilen setzt der neue Bahnhof auch architektonische Massstäbe, die in dieser Reinheit und Schnörkellosigkeit ihresgleichen suchen. Die Lichtdesigner von Reflexion unter der Leitung von Daniel Tschudy haben sich entsprechend des Themas an die stringente Zielausrichtung der Architektur gehalten, und neben ästhetischen Aspekten immer auch den Fahrgast in den Fokus genommen.

Die Architektur

Die Architektur des Zürich-Bahnhofs stellt sich zunächst mit den üblichen Perrons und der klassischen Haupthalle als übersichtlich heraus. Auf den zweiten Blick ergibt sich ein weitreichendes unterirdisches Areal, welches fünfgeschossig in die Tiefe reicht. Die neuen grosszügigen Passagen können direkt via Museumsbahnhof oder Bahnhof Löwenstrasse erreicht werden. Sie zeichnen sich durch, im Gegensatz zum Shopville oder dem Teil von Robert und Trix Hausmann, helle und gut beleuchtete Oberflächen aus. Der Raumeindruck vermittelt dabei Grösse und Erhabenheit, Übersicht und Tageslichtbezug, obwohl kein Tageslicht vorhanden ist.

Der schon fast klinisch anmutende Passagenbereich erschliesst direkt die Perrons, welche der Thematik entsprechend, in einem fast goldenen Licht erscheinen. Dieser Kontrast war seit Beginn Teil des architektonischen Konzeptes und hat orientierende signaletische Wirkung (02). Sowohl von oben nach unten schauend wie auch umgekehrt wird dieser Spannungsraum gut wahrgenommen. Die Differenzierung der Lichtfarbe war notwendig, um die verschiedenen Ebenen zu kennzeichnen und das räumliche Konzept zu erklären bzw. zu präzisieren.

Umsetzung des Lichtkonzepts

Während der Entwicklung des Lichtkonzepts wurde seitens der Auftraggeber dem geäusserten Wunsch, alles auf LED-Beleuchtung zu ändern, Rechnung getragen. Die Umsetzung allerdings von technisch sehr anspruchsvollen Leuchten war nicht einfach. Eindrücklich dabei ist, das lediglich drei Leuchtentypen zum Einsatz gekommen sind. Die Murtenleuchte (01) ist die in den Ladenpassagen eingesetzte runde Leuchte. Sie zeichnet sich durch sehr gute Blendbegrenzung bei präziser Lichtverteilung aus. Der hohe IP-Schutz wie auch die Lichtstromkonstanthaltung sind weitere Spezialitäten davon. Der Umbau von Halogenmetalldampf auf LED war extrem komplex und hat entsprechend technische und auch soziale Leidenschaft abverlangt, um diese Qualität zu erlangen.

Die Linearleuchten, die sämtliche vertikale Flächen der Abgänge zu den Perrons hoch gleichmässig beleuchten, sozusagen Wandfluter direkt an der Wand platziert, sind weitere technische Errungenschaften, die nur durch spezielle Optiken erreichbar waren.

Die technisch genialste Leuchte findet man dann auf den Perrons (03). Dieses lineare Band zeichnet fast unscheinbar und mit hoher Präzision die Perronkante nach. Die Lichtverteilung schneidet die Vorderkante, fliesst jedoch weich über den Perronbereich und vermischt sich dort mit der Gegenseite. Der Indirektanteil bringt den goldfarbenen Schimmer auch auf den Boden. Diese Leuchten sind in warmweissen Licht ausgeführt, sodass die Perronzugänge im Kontrast des neutralweissen Lichts den Verweis zum Tageslicht und damit zur Oberfläche gut vermitteln.

Der Clou

Der visuelle Clou bilden die Schnittstellen, wo Passarellen auf Perrongeschosse treffen. Dieses visuelle Aha-Erlebnis wird mittels Farbkontrast durch zwei unterschiedliche Lichtfarben und unterstützt durch entsprechende Körperfarben ausgelöst. Beim Blick runter ins Perrongeschoss wird die Erdwärme durch ein goldenes Licht in warmer Umgebung manifestiert (02). Umgekehrt fallen beim Hochschauen die weissblauen Farbtöne als Tageslichtreferenz ins Gewicht. Das unterstützt unbewusst die Signaletik wie auch das Bewusstsein des Ortsbezugs. Mit der Mitnahme der Körperfarben durch die Reflexion wird zudem der architektonische Bezug hergestellt und dramatisch verstärkt. Dies spürt der Betrachter als Dimension, die meistens nicht beschrieben werden kann, aber insgeheim als sehr gut vermittelt wird. Man fühlt sich wohl in diesen tageslichtfernen Räumen.

Die Präzision, die dieser Lösung abverlangt wurde, ist nicht zu unterschätzen und kommt, sofern man sich nicht mit der eigentlichen Lichttechnik auseinandersetzt, als gut herüber. Das stellt das Prinzip der Lichtplanung überhaupt dar. Der Spagat, der Tageslicht vollbringt, ist bereits derart gross, dass man fast jede Beleuchtungssituation bereits als «Normal» abgespeichert hat. Es braucht also speziellen Einsatz, um dramatisch zu wirken.

Lampen und Leuchten

Lediglich drei verschiedene Leuchtentypen wurden für den gesamten umbauten Raum des neuen Durchgangsbahnhofs verwendet. Das hat zur Folge, dass neben der bekannt langen Lebensdauer des Leuchtmittels auch die trotzdem für den Unterhalt angelegten Ersatzleuchten in überschaubarem Mass vorhanden sein müssen. Diese drei Leuchtentypen unterscheiden sich durch Form, Hersteller, Lichtverteilung und damit auch Funktion sowie Materialisierung.

Die eigentliche Passagenleuchte bildet die ehemalige Murtenleuchte (01). Sie ist die Weiterentwicklung der mit Halogenmetalldampflampen als Gegenreflektorleuchte konzipierten Leuchte. Sie hatte eine homogene Lichtverteilung und dies praktisch blendfrei bei einem UGR (Unified Glare Rating) von kleiner 16. Die Umstellung auf LED war nicht einfach und dennoch präsentiert sich die neue mehrmals überarbeitete Murtenleuchte durch fast identische Angaben. Der Lichtstrom ist etwas geringer, kompensiert sich aber durch geringere Verluste über mehrfache Reflektion.

Die wegweisende Leuchte bildet die Linearleuchte (04), die seitlich in den Passagenflächen und auch in den vertikal Erschliessungen zur Wandaufhellung in Erscheinung tritt. Hier zeigen sich die Möglichkeiten von LED und optischer Lichtführung sehr direkt. Ebenso machen sich Binningqualität und auch Materialbeschaffenheit schnell und direkt bemerkbar. Nichtsdestotrotz möchte man auf diese Leuchten kaum mehr verzichten, zumal sie die Architektur und Verbindungen von Passagen und Perron eindrücklich und informativ zusammenführen.

Die Perronleuchte (03) war als Entwicklungsleuchte für eine diesem Perron angepasste exakte Lichtverteilung angedacht. Wie genial eine Leuchte entwickelt werden kann, die verschiedene sehr hohe Anforderungen in sich vereinen muss, konnte über ein Dialogverfahren zur Entwicklung eben dieser Leuchte aufzeigen. Die komplexe Lichtverteilung wurde vom Lichtplaner vorgegeben und bestand aus asymmetrischem Indirekt- wie auch Direktanteil. Die Präzision der Vorgaben wurde nicht nur erreicht, sondern übertroffen. Zudem konnten alle technischen Belange seitens SBB ebenso berücksichtigt werden. Diese Leuchte, wenn auch unscheinbar, bildet ein absolutes Highlight.

Fazit

Der neue Bahnhof Löwenstrasse besticht nicht durch Detailtreue oder Kleinkariertheit, sondern durch das Big-Picture, die Grosszügigkeit und eine klare Absicht, nämlich Raum für reibungslosen Passagiertransport und Übersicht zu bieten. Diese Absicht wurde klar übertroffen und die Stärke und Klarheit macht sich vor allem an den Schnittstellen bemerkbar. Sämtliche gestalterischen Belange wurde auch über den Entstehungszeitraum nicht zermürbt und auf Kompromisse runterdividiert, sondern in ihrer Absicht gefestigt. Ein wahrer Schatz für umgesetzte Lichtarchitektur wie wir finden.