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Lucie Koldova

Böhmische Glasbläserkunst im Aufwind

Ihr ausserordentliches Gefühl für Lichtstimmungen in diversen Materialien wie Glas, Metall und Holz beweist ein seltenes Talent. Koldovas Arbeiten zeichnen sich durch eine schlicht-elegante, weich gerundete Formsprache in klarer Kontur aus. Trotz der sinnlichen, durch runde Formen und reizvolle Farben erzielten Ausstrahlung mangelt es ihren Entwürfen dank der oftmals ausgefallenen Dimensionen und originellen Materialkontraste niemals an Spannung. Ihre Liebe zum Detail bringt die Tschechin durch die Auswahl von edlen Materialien und ihre hochwertige Verarbeitung zum Ausdruck. Nicht zuletzt wegen ihres besonderen Umgangs mit Glas wurde Lucie Koldova als »Czech Designer of the year« und »Elle Decoration Talent« ausgezeichnet.

Wanderjahre

Der internationale Durchbruch gelang ihr bereits 2010/2011, kurz nach Abschluss ihres Studiums an der Prager Akademie für Künste, Architektur und Design in Prag und ihrem Umzug nach Paris 2009, und zwar mit der in Kooperation mit Designer Dan Yeffet entwickelten Leuchten-Kollektion Muffins. Das Besondere dieser Leuchte liegt in der meisterhaften Kombination von feinfühlig geformtem Glas und massivem Holz. Zusammen mit der kurz darauf erschienenen Leuchtenfamilie Balloons steht die Serie für eine aussergewöhnliche Lichterfahrung und wurde seit ihrer Markteinführung zu einer Ikone der Marke Brokis, als deren Art Director Lucie Koldova inzwischen tätig ist. Neben Leuchten und Möbeln entwirft die Designerin hin und wieder auch gerne Accessoires und Schmuck, der genauso ausgefallen wie tragbar ist.

Bereits in Paris gründete sie 2010 das Lucie Koldova Studio. In den letzten Jahren arbeitete Koldova für namhafte Unternehmen der Licht- und Möbelbranche wie unter anderem Brokis, Per/Use, La Chance sowie Haymann Edition. Heute arbeitet die 34-Jährige mit ihrem Studio wieder von der Stadt Prag an der Moldau aus. Zuletzt sorgte sie mit ihrer Tischlampe Macaron für Aufsehen: Macaron erinnert optisch an eine französische Delikatesse, ein Baiser-Gebäck. Die Tischleuchte zollt der Schönheit und komplexen Struktur von kristallinem Gestein Tribut, indem sie es als feine, transluzente Schicht zwischen zwei gegeneinander gesetzten, mundgeblasenen flachen Glaskuppeln zum Leuchten bringt.

Projekt imm cologne 2018: »Das Haus«

Als eines der wichtigen Projekte in ihrer Karriere hat im Frühjahr das »Das Haus« auf der Möbelmesse in Köln entwickelt. Die Reihe »Das Haus« auf der imm war eine ganzheitliche Wohnhaus-Simulation aus Architektur, Interior Design und Möblierung, zu deren Gestaltung die internationale Einrichtungsmesse imm cologne jedes Jahr einen anderen internationalen Designer einlädt. Auf rund 180 qm kann der Guest of Honor damit inmitten einer der grössten Einrichtungsmessen weltweit – und zwar in der Pure Editions-Halle 2.2 – ein persönliches Statement zum zeitgenössischen Wohnen abgeben.

Lichtstimmungen wurden präsentiert

Nach Auffassung der jungen tschechischen Designerin, die als Guest of Honor 2018 »Das Haus – Interiors on Stage« auf der imm cologne gestaltete, waren es fast unendlich viele. In ihrer Wohnvision »Light Levels« zeigte sie die »Ebenen des Lichts«, die sie in ihrem Haus für die wichtigsten hält: Licht zum Repräsentieren, für kreative Arbeit, Licht zum Relaxen und Sich-Pflegen, zum Präsentieren und Ankleiden; Licht, um alleine zu sein und den Kopf frei zu bekommen und Licht, um Menschen willkommen zu heissen. »Das Haus 2018« wurde durch fast wabenartig aneinandergefügte Lichtraum-Zellen gebildet, in denen das Licht in verschiedensten Formen und Programmierungen nicht nur den Raum markiert, sondern auch seine Funktion und eine bestimmte Empfindung unterstützt.

Jeder Raum soll die Funktion des täglichen Lebens zeigen, um individuelle Bedürfnisse zu befriedigen, während im Zentrum ein Wohnraum für gemeinschaftliche Erlebnisse steht. Eckig und rund, hell und schattig, cool und weich sind die Kontraste, mit denen Lucie Koldova hier spielt. Für »Das Haus« hat sie sich auch in Sachen Möblierung noch einiges einfallen lassen, das in Formen- und Materialsprache aussergewöhnlich ist, so etwa einen gläsernen, von einer Schalenfamilie begleiteten Waschtisch für Antonio Lupi in ausgefallener Farbgebung oder die Sofalandschaft »Soft Islands « zum Relaxen. Auch eine Neuheit von Brokis wurde in »Das Haus« vorgestellt: Ivy, eine kleine Glasleuchte, die als Einzelprodukt oder für raumgreifende Installationen eingesetzt werden kann. Hier werden Leuchten zur Feuerstelle, zum Lichtvorhang, zur heimleuchtenden Laterne. Jeder Raum wird von einem eigenen Material und einer eigenen Lichtfarbe dominiert.

Fazit: Das Haus-Projekt thematisierte dabei nicht nur die gegenwärtigen Einrichtungstrends, sondern auch die Publikumssehnsüchte und den gesellschaftlichen Wandel.

 

 

 

 

INTERIEW

Was fasziniert Lucie Koldova an Licht generell?

Lucie Koldova: Was mich eigentlich fasziniert, ist Energie. Mich interessiert, was unter der Materialoberfläche ist. Also das, was man nicht sieht. Ein Material ist nur weich, weil die Substanzen, aus denen es besteht, in einer anderen Struktur zusammengefügt sind als bei einem harten Material. Darum arbeite ich auch so gerne mit Licht, denn es steht für eine ganz bestimmte Energie: Es sendet Schwingungen aus, und es wirkt sehr verführerisch in Kombination mit Glas.

Mit der traditionellen Glaskunstschmiede Brokis haben Sie zusammen neue Wege im Glasdesign entwickelt, richtig?

Sicher, aber wenn ich nicht so oft dort gewesen wäre, hätte ich gar nicht erkannt, was für ein Schatz dort liegt. Wenn man sieht, durch wie viele Hände jedes Stück geht, wie schmutzig und laut die Produktion ist, und plötzlich erscheint darin ein glänzendes, sprühendes Licht … dann sieht man nicht mehr nur das Design, sondern man sieht die Arbeit, die 200jährige Tradition und die Umgebung, in der die Menschen, die das Glas geblasen haben, tagtäglich leben.

Sie benutzen meistens Glühbirnen für Ihre Leuchten, so genannte »Edison Lampen«, die als dekorative Objekte deklariert sind. Wünschen Sie sich diese ältere Technologie manchmal zurück?

Nein, ich hänge nicht an Altem. Wir verwenden sie wegen ihres warmen Lichts, aber sie werden allmählich durch LEDs ersetzt, die ständig perfekter werden und zunehmend wirklich warmes Licht simulieren können. Und wenn man sie dimmen kann und es für die Umwelt gut ist – umso besser für alle!

Was ist mit OLED?

Ich liebe es und experimentiere auch bereits damit, aber seine Verfügbarkeit und Effizienz bleibt noch hinter unseren Erwartungen zurück. Aber es ist eine Option für die Zukunft. Da sich die Lichtquelle biegen lässt, bieten sich Designern mit OLEDs viele Möglichkeiten, mit dem Licht zu spielen, und sie geben auch ein schönes, warmes Licht.

Wenn OLEDs gleichzeitig die Quelle und die Oberfläche von Licht und Leuchte sein können, wird sich dadurch an der Bedeutung von Glas für das Design von Leuchten etwas ändern?

Ich sehe Glas nicht als eine Hülle der Lichtquelle an. Für mich ist Glas ein zeitloses Material, das die Form ausmacht. Die Lichtquelle selbst bestimmt nicht das Design. Sie macht es nur lebendig. Ich lerne immer wieder Neues über das Licht, wenn ich mit ihm arbeite. Es ist eine sehr freie Disziplin.

Haben Sie für «Das Haus” auch eine neue Leuchte designt?

Eigentlich sogar zwei, beide für Brokis. Gleich am Eingang heissen den Besucher die Jack-o-Lanterns willkommen …

 

 

Das würden wir im Deutschen wohl als Irrlicht oder Glühwürmchen bezeichnen …

Ja, ich mag Namen mit narrativem Charakter. In diesem Fall weckt er Assoziationen an eine kleine Lichtkugel, die jemand eingefangen hat, um sich von dem kleinen Käfer nach Hause leuchten zu lassen. Und dann habe ich für den Bereich um das Bett, also für die Relaxing Zone, ein Leuchtensystem entwickelt, das sowohl als Einzelprodukt funktioniert als auch für die massgeschneiderte Anwendung im Verbundsystem: Ivy. Wie gläserne Äste. Ich wollte mir und Brokis mal eine ganz andere Aufgabe stellen: Nichts von überwältigender Wucht, sondern kleine Leuchten, die sanft, weich und feminin sind. Ich wollte es vor allem für das Badezimmer. So würde ich auch gerne wohnen: Nicht total minimalistisch, wie sich vielleicht ein Architekt einrichten würde, sondern auch mit etwas Raum für Sanftheit und Emotionalität. Die Zweige von Ivy illustrieren das sehr gut. Für das Badezimmer und Antonio Lupi haben wir auch einen ganz neuen Waschtisch aus Glas gestaltet, zu dem es in der Form korrespondierende Schalen gibt.

Das Wohnzimmer in der Mitte wirkt mit seinen grossen, sternenförmigen Leuchten Puro wieder komplett anders, und der Inspiration Room mit seinen hinterleuchteten fensterartigen Wänden wirkt im Vergleich mit dem Relaxing-Bereich recht kühl. Ist das gewollt?

Ich finde es witzig, im Raum zwei Meter lange Wunderkerzen hängen zu haben. Es soll auch eine kleinere Version geben, die an ein Feuer erinnert, um das man sich versammelt. Es ist ein repräsentativer Raum zum Essen, zum Treffen mit Freunden und Bekannten, ein Raum zum Angeben. Dafür braucht man ein anderes Licht als zum Entspannen. Der in Beton gestaltete Spirit Room ist eine Metapher für einen sakralen, steinartigen Raum. Ich suche für jeden Raum, für jedes Gefühl und jede Funktion nach den passenden Materialien und dem passenden Licht. Es ist schliesslich ein Haus der Ideen und Symbole, und kein Showroom, in dem ich meine Lieblingsstücke ausstelle.

Mal abgesehen von dem narrativen Ansatz und der Licht-Metaphorik wirkt das Grundkonzept Ihres Hauses doch recht klassisch: Outdoor bleibt outdoor, Wände sind Wände, und es ist auch kein rundes Haus, sondern eines mit Ecken und Kanten – sogar mit sehr vielen. Von Ihren Leuchten und Möbel her ist man eine eher weiche Kontur gewöhnt – warum ist Ihr Haus-Entwurf so anders?

Weil ich mein Haus eben nicht für jedermann öffnen will – abgesehen von meinem Haus auf der Messe natürlich, da möchte ich am liebsten die ganze Welt einladen! Grundsätzlich aber verstehe ich mein Haus eher als einen Unterschlupf, einen Schutzraum. Es ist der Ort, an dem ich neue Kraft tanke, in den ich nur reinlasse, wen ich wirklich gerne um mich habe. Zudem finde ich nun einmal, dass ein Haus feste Wände haben sollte. Ich bin auch kein Fan von organischer Architektur. Und auch wenn es mitten in der Messe steht, möchte ich bei meiner »Das Haus«-Version das Gefühl vermitteln, in einem echten Haus zu stehen.